Herzlichen Glückwunsch! Du hast eine Einladung zum Vorstellungsgespräch in Deutschland bekommen. – Jetzt geht es darum, dich in diesem Gespräch bestmöglich zu präsentieren. In Deutschland ist ein Vorstellungs- oder Bewerbungsgespräch weit mehr als nur ein Interview über deinen Lebenslauf.
Es geht um deine Qualifikation, deine Persönlichkeit und um dein Auftreten. Im Mittelpunkt stehen die gegenseitigen Erwartungen, der Stil der Kommunikation und die Berücksichtigung kulturelle Feinheiten. Dazu gibt es in Deutschland Regeln und Gewohnheiten, die du als internationale Fach- und Führungskraft unbedingt kennen sollten.
Inhalt
- 1. Wie läuft ein Vorstellungsgespräch in Deutschland ab?
- 2. „Du“ oder „Sie“ – Formale oder informale Anrede?
- 3. Wie berichtest du über deinen beruflichen Werdegang?
- 4. Welche 5 Fragen werden im Vorstellungsgespräch in Deutschland häufig gestellt?
- 5. Was ist aus kultureller Sicht bei einem Vorstellungsgespräch in Deutschland wichtig?
- 6. Wie du dich am besten auf ein Vorstellungsgespräch in Deutschland vorbereitest
1. Wie läuft ein Vorstellungsgespräch in Deutschland ab?
Vorstellungsgespräche auf Deutsch sind meistens klar strukturiert und eher sachlich orientiert. Im Normalfall gibt es zwei bis drei Gesprächsrunden, meist mit unterschiedlichen Teilnehmer:innen von Seiten des Unternehmens. Beim zweiten oder dritten Termin ist es möglich, dass die Bewerber:innen darum gebeten werden, eine Präsentation vorzubereiten.
Hier findest du die typische Struktur für den Ablauf eines Vorstellungsgespräches in Deutschland:
Begrüßung und Small Talk: Auf die Begrüßung folgt ein „kurzer“ Small Talk. Die Themen sind in der deutsche Kultur eher allgemein und sachlich gehalten. Oft geht es um das Wetter, die Anreise und allgemeine Ereignisse.
Danach ist es üblich, dass der Recruiter/die Recruiterin kurz sich selbst und das Unternehmen vorstellt.
Anschließend steht meist dein Lebenslauf im Mittelpunkt. Du sprichst hier über deinen beruflichen Werdegang. Und stellst dich selbst im Rahmen eines Elevator Pitchs vor.
Dazu stellt dein Gegenüber dir im nächsten Schritt mit großer Wahrscheinlichkeit ein paar Fragen. Oft betreffen sie deine fachliche Qualifikation, deine aktuelle Position und deine Persönlichkeit.
Am Ende bekommst du Gelegenheit, dem Interviewer/der Interviewerin Fragen zu stellen. Diese können das Unternehmen und die Position, die besetzt werden soll betreffen.
2. „Du“ oder „Sie“ – Formale oder informale Anrede?
Seit einigen Jahren wird in Deutschland immer häufiger geduzt. So kann es auch im Vorstellungsgespräch möglich sein, das „Du“ zu verwenden. Die meisten Recrutier:innen klären diese Frage direkt zu Anfang des Gesprächs: „Wir leben hier im Unternehmen eine Du-Kultur. Wäre es für Sie in Ordnung, wenn wir uns während des Vorstellungsgesprächs duzen?“
Falls dein Gegenüber das Thema nicht anspricht, bleibe unbedingt beim „Sie“. Dazu solltest du den Nachnamen plus „Frau oder Herr“ und den korrekten Titel der Person (Dr., Prof.) nennen.
Wenn du dich unsicher fühlst, verwende die Anrede, welche dein Gesprächspartner/deine Gesprächspartnerin verwendet.
3. Wie berichtest du über deinen beruflichen Werdegang?
„Erzählen Sie etwas über sich!“ – Hier geht es inhaltlich um deinen Lebenslauf, deine fachliche Qualifikation und deine Persönlichkeit. Vor allem darum, dass dein CV perfekt zur Position und deine persönlichen Werte ideal zum Unternehmen passen.
Berichte deshalb in 2 – 3 Minuten über die wichtigsten Stationen deiner Ausbildung und Karriere. Der Fokus sollte dabei auf genau den Bereichen liegen, die für die Position, um die du dich bewirbst, relevant sind.
Verbinde also deine Erfahrungen, Expertise und Werte mit den Anforderungen, die für die neue Rolle gestellt sind in einem Elevator Pitch. Denn genau das ist für deinen potentiellen Arbeitgeber von Bedeutung.
Im nächsten Schritt wird dein Gesprächspartner/deine Gesprächspartnerin dir vermutlich einige Fragen stellen.
4. Welche 5 Fragen werden im Vorstellungsgespräch in Deutschland häufig gestellt?
Welche Fragen tatsächlich in deinem nächsten Interview gestellt werden, kann man nicht vorhersehen. Hier findest du eine Auswahl der Fragen, die sehr oft angesprochen werden. Ich empfehle dir, deine Antworten darauf, schon im Voraus gut vorzubereiten.
4.1 Warum möchten Sie sich beruflich verändern?
Gefragt ist hier deine Motivation, den Arbeitgeber zu wechseln. Und deine Antwort auf die Frage, ob du dich verändern möchtest, weil du in in deiner aktuellen Position Probleme hast, oder weil du dich beruflich weiter entwickeln möchtest.
Begründe deine Entscheidung mit der zweiten Alternative, indem du zum Beispiel betonst, dass du mit deiner aktuellen Position zufrieden bist, jetzt aber eine neue Herausforderung suchst.
Beispiel: „Ich habe in meiner aktuellen Position X erreicht. Jetzt freue ich mich darauf, die Herausforderung Y anzunehmen, die diese Stelle mit sich bringt.“
4.2 Was ist Ihre größte Stärke?
Bei dieser Frage geht es um deine persönliche Selbsteinschätzung. Sie wird oft auch anders formuliert. Zum Beispiel: „Was schätzen Freunde besonders an Ihnen?“ oder „Wofür haben Sie in Ihrem Job oft besondere Anerkennung bekommen?“
Idealerweise thematisierst du hier eine persönliche Stärke, die gut zur gewünschten Position passt.
Beispiel: „Ich bin sehr emphatisch. Deshalb kann ich mich gut in Mitarbeitende hineinversetzen und für mein Team eine vertrauensvolle, sichere und motivierende Arbeitsumgebung schaffen.“ (Bewerbung als Leiterin Einkauf)
4.3 Was ist Ihre größte Schwäche?
Interviewer:innen ist völlig klar, dass jeder Mensch Schwächen besitzt. Und das ist absolut kein Problem. Also, setz dich bitte wegen der Antwort auf diese Frage bloß nicht unter Druck. Auch nicht, wenn sie im Vorstellungsgespräch etwas anders formuliert wird: „Was kritisieren Freunde an ihnen?“, oder „Welche Ihrer Eigenschaften hat Ihnen in der Vergangenheit öfter Schwierigkeiten bereitet.“
Viele Bewerber:innen sprechen hier über ihre perfektionistische Einstellung, die tatsächlich eine Stärke ist. Bitte versuche das zu vermeiden. Die meisten Personalverantwortlichen haben diese Erklärung schon sehr oft gehört. Sie wirkt austauschbar und zeigt wenig Kreativität.
Meine Empfehlung ist, stattdessen eine Schwäche zu nennen, die für die Stelle gar keine oder nur geringe Bedeutung hat. Ergänze dann, was du tust, um deine Schwäche zu beseitigen.
Beispiel: „Ich bin handwerklich total ungeschickt. Deshalb schaue ich mir aktuell viele YouTube-Tutorials an und werde immer besser darin, Dinge selbst zu reparieren.“ (Bewerbung als strategische Leiterin.)
4.4 Welche Herausforderungen wurden in der Vergangenheit an Sie gestellt.
Hier kannst du damit glänzen, wie du in der Vergangenheit Aufgaben besonders gut gelöst hast. Wähle ein Beispiel und verwende die Star-Methode (Situation, Task, Action, Result), um die Herausforderung der Aufgabe und deinen Lösungsweg klar zu beschreiben.
Anschließend berichtest du über deine zentrale Erkenntnis, die dir diese Herausforderung gebracht hat – für die neue Stelle oder ihre strategischen Auswirkungen auf deine Arbeit.
Beispiel: „Als Verantwortliche in diesem Change-Prozesses habe ich gelernt, wie wichtig klare und vertrauensvolle Kommunikation in der Teamführung ist. Sie hat mir dabei geholfen, den Prozess ohne Widerstände durchzuführen.“
4.5 Wo sehen Sie sich in 5 Jahren?
Hast du vor, länger im Unternehmen zu bleiben? Oder möchtest du deinen Arbeitgeber recht kurzfristig wieder wechseln? Diese Frage ist für Personalverantwortliche relevant, wenn es darum geht, in dich und deine Weiterentwicklung zu investieren oder auch nicht.
Beschreibe deshalb in deiner Antwort einen oder mehrere spezifische Bereiche, in denen du wachsen möchtest, von denen das Unternehmen profitieren würde.
Beispiel: „Ich möchte mich weiter entwickeln und in Zukunft mehr Verantwortung übernehmen. Dabei kann ich mir gut vorstellen bei X, nach 5 Jahren, in einer leitenden Position mehrere Teams zu koordinieren.“
Dies ist eine kleine Auswahl der Top 5 Fragen. In Bewerbungsportalen findest du viele weitere Themen, zu denen Recruiter:innen im Bewerbungsgespräch häufig gern mehr wissen möchten.
5. Was ist aus kultureller Sicht bei einem Vorstellungsgespräch in Deutschland wichtig?
Es gibt ein paar Regeln und Grundsätze, die in der deutschen Kultur wesentlich sind. Bewerber:innen sollten sie kennen und sich schon im Voraus darauf einstellen.
Pünktlichkeit: Weit mehr als ein Klischee. Vielmehr ein Ausdruck von Höflichkeit und Respekt. Bewerber:innen sollten also ganz sicher gehen, dass sie genau zur vereinbarten Uhrzeit vor Ort sind.
Anrede: Auch die „richtige“ Anrede ist ein Zeichen gegenseitiger Wertschätzung. Wie oben schon beschrieben, legen Recruiter:innen fest, ob das Gespräch per „Du“ oder „Sie“ geführt wird.
Direkte Kommunikation: In der deutschen Arbeitswelt wird eine klare Kommunikation, ohne Umschweife geschätzt. Es ist also in keinem Fall unhöflich gemeint, wenn deine Gesprächspartner:innen relativ unmittelbar auf den Punkt kommen.
Struktur: Die meisten Arbeitgeber in Deutschland legen Wert auf klar gegliederte Unterlagen und Gespräche. Präsentiere deinen Werdegangs genau so wie deine Antworten auf Fragen deshalb möglichst geordnet.
Ehrlichkeit: Eine sachliche Darstellung der eigenen Fähigkeiten wird in Deutschland eher honoriert als eine übertriebene Präsentation. Und es wirkt offen und sympathisch, auch mal über eine Schwäche zu sprechen.
6. Wie du dich am besten auf ein Vorstellungsgespräch in Deutschland vorbereitest
Gute Vorbereitung ist das A und O für deinen Erfolg im Bewerbungsprozess. Für das Gespräch mit deinem Wunsch-Arbeitgeber empfehle ich dir im Vorfeld Informationen zu den wesentlich Fragen und Themen zu sammeln.
- Das Unternehmen, seine Produkte und Dienstleistungen sowie Kultur, Werte und Ziele.
(via Website, Broschüren, Presse, Mitarbeitende). - Details zu der ausgeschriebenen Position (via Stellenanzeige / -ausschreibung).
- Deine Gesprächspartner:innen (via Google, LinkedIn).
- Dein Werdegang, kurz zusammengefasst (via deinem Lebenslauf und den Erwartungen des Unternehmens für die zu besetzende Position).
- Die Sprache – Englisch oder Deutsch (via einer Anfrage per E-Mail vorab).
- Falls das Gespräch auf Deutsch stattfindet: Fachausdrücke und Redemittel auf Deutsch (via meinem nächsten Blog-Post).
- Antworten auf mögliche Fragen deiner Gesprächspartner:innen (via diesem Blog-Post).
- Formulierung eigener Fragen (via diesem Blog-Post und deinen Interessen).
- Bei persönlichen Treffen: genaue Adresse sowie Anreisemöglichkeiten und -dauer.
Eine umfassende Vorbereitung ist tatsächlich essentiell, denn damit fällt es dir garantiert leichter, im Vorstellungsgespräch souverän und selbstsicher zu wirken.
Gleichzeitig gelingt es dir so auch einfacher, deine Qualifikation und Expertise vollständig und im Sinne der neuen Position darzustellen. – Wenn du hierzu Fragen hast oder dir ein praktisches Training mit professionellem Feedback wünschst, bin ich für dich da. Schreib mir gern jederzeit.


